Zusammenfassung

Schon in den späten sechziger Jahren und verstärkt während der siebziger Jahre wurde das Problem des massiv anwachsenden Siedlungsabfalls in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert. Die speziellen Aspekte der Abfallwirtschaft und besonders die Beseitigung des städtischen Kehrichts wurden zum Gegenstand volks- und betriebswirtschaftlicher sowie technischer Untersuchungen gemacht. Auf den Stellenwert des zunehmenden Volumens des Verpackungsmaterials im Siedlungsabfall richtete sich seit den 1980er Jahren insbesondere das Interesse des schweizerischen Umweltministeriums (® BUWAL). Ferner haben die Einführung der Kehrichtsackgebühr in vielen schweizerischen Gemeinden oder die bundesdeutsche Verpackungsverordnung deutlich auf die Dringlichkeit des Problems hingewiesen – dessenungeachtet wurde der Verpackungsproblematik in ihrer gesamten Dimension bisher wenig Beachtung geschenkt (® Teuteberg 1995). Die den Historiker interessierenden Fragen, was geschehen war, dass innert nur einer Generation Schwierigkeiten dieser Art auftreten konnten, und welche Triebfedern die enorme Ausweitung der Produktion und des Verbrauchs verpackter Konsumgüter begünstigten, blieben bis zum heutigen Tage unbeantwortet. Der hier vorliegende Beitrag versucht, diese Forschungslücke zu schliessen.

Die Aufmerksamkeit konzentriert sich namentlich auf den Bereich der Lebensmittelverpackungen und des Mülls im Raume Deutschland, Schweiz und Österreich.

Die Verpackungsrevolution, deren Ursprung in den 1950er Jahren anzusiedeln ist, spielte sich vor einem komplexen ökonomischen, sozialen, ökologischen und technologischen Hintergrund ab. Dieser war während des Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit in allen seinen Aspekten einem starken Wandel ausgesetzt.

Das zentrale Forschungsinteresse gilt den Auswirkungen, die dieser nahezu alle Wirtschafts- und Lebensbereiche umstrukturierende Prozess auf das Einkaufsverhalten sowie auf das Verpackungswesen hatte. Dies führte zu folgenden – um an dieser Stelle nur die wichtigsten zu nennen – erkenntnisleitenden Fragen:

Wie wirkten sich Massenproduktion und -konsumption auf die Warendistribution aus?

Warum gelangten immer mehr Güter des täglichen Bedarfs verpackt auf den Markt?

Wieso wurden auf Kosten von Mehrweggebinden vermehrt Wegwerfverpackungen

angeboten?

Was geschah mit den ausgedienten Verpackungen?

Der erste Teil befasst sich mit Theorien, die für den Übergang von der Industrie- zur Konsumgesellschaft grundlegend sind.

Mit Lutz, Bornschier und Pfister kamen drei Vertreter zu Wort, welche sich gegen das Kontinuitätsparadigma wirtschaftlicher Entwicklung aussprechen und welche die Nachkriegsprosperität nicht als blosse Etappe industriegesellschaftlicher Modernisierung auffassen.

1.) Die Überwindung des Strukturdualismus, der in der Zwischenkriegszeit eine Ausdehnung der Binnennachfrage verhindert hatte und somit eine der Ursachen für die damalige wirtschaftliche Stagnation war, stellt für den Soziologen Burkart Lutz ein tragendes Element für den historisch einzigartigen Boom der Nachkriegszeit dar. Er erläutert, wie es dem am Weltmarkt orientierten, fortschrittlichen und industriell-marktwirtschaftlichen Sektor der Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg gelungen ist, diese Wachstumsblockierung zu durchbrechen. Typische Erzeugnisse, Dienstleistungen und Hausarbeiten des von Subsistenzwirtschaft dominierten traditionellen Sektors konnten in den marktwirtschaftlichen Prozess industrieller Technisierung und Organisation einbezogen sowie dem Zwang der Rentabilität unterworfen werden. Sie wurden von industriell gefertigten, angebotenen und genutzten Produkten und Leistungen verdrängt. Diesen Vorgang umschreibt Lutz mit 'Absorption' oder 'innerer Landnahme' des traditionellen Sektors durch den marktwirtschaftlich-industriellen Sektor. Die ehemals im traditionellen Sektor gebundene, volkswirtschaftlich kaum erfasste Arbeitsleistung wurde in Lohnarbeit industrieller oder tertiär-marktwirtschaftlicher Natur übergeführt, und die früher regional organisierte Distribution wurde anonymen, grossräumigen Märkten übergeben. Diese Entwicklung schuf, unterstützt vom wachsenden Einfluss wohlfahrtsstaatlicher Politik, Wachstumsimpulse und generierte einen Umstrukturierungsprozess, welcher sich im Rückblick als konstitutiv für eine neue Lebensweise erweist (® Lutz 1989).

2.) Der Soziologe Volker Bornschier beschreibt, wie sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein Gesellschaftsmodell entfalten konnte, das sich einerseits durch die keynesianische Grobsteuerung der Wirtschaft sowie den Ausbau des Wohlfahrtsstaates und andererseits durch die Rationalisierung von Produktion und Organisation ausgezeichnet hat. Bornschier weist auf den bedeutenden Einfluss der Vereinigten Staaten als Hegemonialmacht auf die europäische Nachkriegsordnung hin. Diese Beeinflussung beschränkte sich nicht nur auf den Übergang zum neuen polit-ökonomischen Regime, d.h. auf staatliche Behörden, auf Institutionen von Arbeitnehmern und -gebern sowie auf Wirtschaftsverbänden und deren regulierenden Eingriff in das Wirtschaftsleben. Auch der neue technologische Stil, der sich in Europa in den 1950er Jahren durchzusetzen begann, findet seinen Ursprung in den USA (® Bornschier 1988 und 1995).

3.) Der Umwelthistoriker Christian Pfister erkennt in der Wende am Energiemarkt bei der Umstellung von der teuren Kohle zum billigen Erdöl in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre eine historische Zäsur. Diese Epochenschwelle trennt unsere Zeit von weniger zerstörungsdynamischen Entwicklungsformen des Mensch-Umwelt-Verhältnisses. Erst in den Jahrzehnten nach 1950 erfuhren der Energieverbrauch, das Bruttosozialprodukt, der Flächenbedarf von Siedlungen, das Abfallvolumen und die Schadstoffbelastung von Luft, Wasser und Boden den für die heutige Entwicklung entscheidenen Wachstumsimpuls. Seine These des 1950er Syndroms schreibt dem Rückgang der relativen Preise der fossilen Energieträger einen ausschlaggebenden Stellenwert für die Entstehung des Umweltproblems in seinen heutigen qualitativen und quantitativen Dimensionen zu (® Pfister 1995 sowie 2. unveränderte Auflage 1996).

Dank Massenproduktion, steigenden Löhnen, langfristig fallenden Energie- und Rohstoffkosten, rationalisierter Herstellungsverfahren u.a. konnten viele Konsumgüter relativ billiger hergestellt werden, und einer breiten Bevölkerungsschicht wurde es möglich, die Grundbedürfnisse ohne grossen Aufwand abzudecken und sich höherrangigen Bedürfnissen zuzuwenden.

Gleichzeitig gelangten US-amerikanische Managementmethoden und sie begleitende Ideologien nach Westeuropa (® Berghahn 1991, ® Hardach 1994). Im Zeichen wachsender Systemkonkurrenz zwischen den beiden Supermächten nahm das Vorbild des 'American way of life' in den 1950er Jahren eine bedeutsame Rolle ein – eine Rolle, welche die USA dazu benützten, mit einer propagandistischen Kulturoffensive den Westeuropäern die Vorteile des US-amerikanischen Konsummodells vor Augen zu führen (® Wagnleitner 1991).

Im zweiten Teil werden die Formen und Funktionen der Verpackung in der Agrar- und der Industriegesellschaft in einem bis in die Antike zurückreichenden Längsschnitt untersucht.

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein diente die Verpackung lediglich dem Warenschutz sowie der Warenlagerung und der Warentransportfähigkeit. Erst im Zeitalter der Industrialisierung begann sich die Rolle der Verpackung langsam zu verändern. In den schnell wachsenden Städten verlor die Selbstproduktion an Bedeutung, und viele produktive Funktionen wurden aus dem Haushalt ausgelagert (® Glatzer et al. 1991). Mit dem Aufkommen von Lebensmitteleinzelhändlern, welche u.a. Markenartikel anboten, übernahm die Warenpackung erstmals die Aufgabe eines Verkaufshelfers. Der Grossteil der Güter des täglichen Bedarfs wurde jedoch weiterhin lose angeboten.

Der dritte Teil stellt das Panorama der Konsumgesellschaft in ihren für die Expansion des Verpackungswesens zentralen Elementen dar.

Als wichtigste Einflussgrösse wird die Entwicklung und die Ausbreitung des Selbstbedienungssystems im Lebensmitteldetailhandel herausgestellt.

Unter dem Eindruck wachsender wirtschaftlicher Dynamik wurde der traditionelle Lebensmitteleinzelhandel nach den 1950er Jahren den Gesetzen industrieller Technik und Organisation sowie marktwirtschaftlicher Rentabilität unterworfen. Was Lutz theoretisch beschreibt, nämlich die Absorption des traditionellen Sektors durch den marktwirtschaftlich-industriellen Sektor, lässt sich hier anschaulich nachvollziehen.

Auch Bornschiers Ansatz findet seine Bestätigung, da es sich beim Selbstbedienungssystem, mit seinem wachsenden Angebot an seriell hergestellten und billigen Konsumgütern, um ein Element des von ihm beschriebenen neuen technologischen Stils handelt.

Insbesondere in Deutschland und in Österreich übernahmen die USA eine direkte Führungsrolle im Wiederaufbau des Distributionsnetzes (® De Grazia i.V., ® Wildt 1994).

In den meisten westeuropäischen Ländern überzog die neue 'amerikanische' Verteilungsform der Selbstbedienung zuerst die Städte und später die ländlichen Gebiete mit einem dichten Netz von Filialen und Verteilerzentren. Die mittelständisch geführten Lebensmittelläden wurden von diesen Ketten in einem ersten Schritt überrollt. In einem zweiten Schritt wurden an neu erschlossenen Standorten in der Nähe von Autobahnanschlüssen Einkaufszentren errichtet, die dem Bedürfnis nach dem Einkauf mit dem Auto entsprachen.

Das neue Verkaufssystem und die gleichzeitig stattfindende Expansion des Gütersortimentes bedingten die Vorverpackung der Artikel in einem dem Ladenverkauf vorgelagerten Bereich (® Bruchhausen 1978, ® Teuteberg 1995). Dafür wurden Automaten eingesetzt.

In den drei untersuchten Ländern etablierte sich die Selbstbedienung in der Schweiz am schnellsten. Sie gehörte zusammen mit Grossbritannien und Schweden zu den europäischen 'Pionierländern' des modernen Verkausfssystems (Gurtner 1958). In der Bundesrepublik konnte sich das Selbstbedienungssystem erst um 1957, nachdem die Jahre des Kapitalmangels überwunden waren und der Binnenhandel neue Dynamik entwickelt hatte, massgeblich durchsetzen (Dynamik im Handel 1988, Wildt 1994). Seit den späten 1950er Jahren breitete sich das neue Distributionsmodell unglaublich rasch aus – rückblickend erscheint die Diffusion der Selbstbedienung in ihrer Geschwindigkeit und ihrer Vehemenz revolutionär.

Ferner wird im dritten Teil ein Bündel von Entwicklungssträngen angesprochen, welche der Verpackungsbranche in der Nachkriegszeit die entscheidenden Wachstumsimpulse vermittelt hat.

So ergriff die Nahrungsmittelindustrie im Zuge der Rationalisierung der Produktions- und Organisationsstrukturen und vor dem Hintergrund der steigenden Kaufkraft der Verbraucher (® Fourastié und Schneider 1989, ® Hebeisen 1993) die Initiative. Die Produzenten gingen dazu über, die wachsende Nachfrage nach Lebensmitteln mit standardisierten Produkten zu befriedigen, welche vermehrt konsumfertig, portioniert und vorverpackt angeboten wurden. Der Verbrauch industriell gefertigter Esswaren nahm auf Kosten naturbelassener Nahrungsmittel zu.

Der Preiszerfall von Diesel und Benzin führte einerseits zur Verbilligung des Strassengütertransportes und leistete somit der Internationalisierung des Marktes Vorschub. Als Folge dieser Entwicklung entkoppelte sich unser Ernährungsverhalten zusehends vom regionalen Angebot und von den Jahreszeiten. Andererseits gestattete das Auto als Schlüsselprodukt der Konsumgesellschaft (® Bornschier 1988 und 1995) den Konsumenten, den Quartierladen zu vergessen und im weiter entfernten Supermarkt einzukaufen.

Die sozioökonomischen Rahmenbedingungen waren einem starken Wandel unterworfen, welche zu neuen Werteprioritäten führten.

Als Beispiele werden erstens der zunehmende Drang nach mehr Individualität und die Abwertung des bürgerlichen Ideals der Kernfamilie erwähnt, welche – verbunden mit der steigenden Kaufkraft – neue Wohnformen ermöglichte. Single- oder Zweipersonenhaushalte zeichnen sich durch eine starke Nachfrage nach portionierten und konsumfertig verpackten Lebensmitteln aus.

Zweitens förderten die vermehrte Erwerbstätigkeit der Frau und ihr Griff zum Beutel

oder zur Konserve den Absatz vorgefertigter Lebensmittel.

Drittens machte sich die Wahrnehmung der Zeit als knappes Gut in der vermehrten

Trennung von Arbeits-, Wohn- und Freizeitwelt bemerkbar. Der Familien-Esstisch und die gemeinsamen 'Mahl-Zeiten' verloren an Bedeutung. Das 'schnelle Essen zwischendurch' verstärkte die Nachfrage nach vorverpackten Lebensmitteln.

Über den Stellenwert des Kühlschranks im Wirkungsgefüge von Selbstbedienung, Sortimentsausweitung und neuen Konsumentenwünschen ist sich die Literatur weitgehend einig. So bezieht sich eine neueste Untersuchung (® Stender 1995) auf Aussagen aus den 1960er Jahren. Schon damals wurde der enge Zusammenhang zwischen Einkaufs- sowie Ernährungsgewohnheiten und dem Kühlschrank erkannt; der Kühlschrank erlaubte es, Waren bequem über längere Zeit im Haushalt zu lagern.

Alle diese einzelnen Faktoren der Konsumgesellschaft beeinflussten und verstärkten sich gegenseitig und liessen Rückkoppelungsprozesse entstehen, welche sich ihrerseits auf das Gesamtsystem auswirkten (® Wildt 1994). Massenproduktion und -konsum, Kaufkraftzuwachs, Selbstbedienung, vorverpackte Nahrungsmittel u.a. bilden einen engen Wirkungszusammenhang. Nach und nach verloren die bürgerlichen Tugenden der Sparsamkeit und der Bescheidenheit ihre zentrale Bedeutung und wurden durch eine 'schuldfreie' Konsumhaltung ersetzt. Da sich die 'Demokratisierung des Wohlstands' durch einen Überfluss angebotener Nahrungsmittel auszeichnet (® Neuloh und Teuteberg 1979, ® Protzner 1987, ® Selter 1995), welche (fast) allen zugänglich sind, kannte und kennt der neue 'Verbrauchertypus' (® Wildt 1994) keine Mangelsituation.

Die einleitenden Ansätze von Lutz und Bornschier sowie der postulierte Einfluss der USA auf die europäische Nachkriegsordnung lassen sich grösstenteils in der Untersuchung bestätigen. Parallelen zu diesen Theorien finden sich nicht nur beim Selbstbedienungssystem, sondern auch die Haushaltstechnisierung oder die wachsende individuelle Mobilität sind Merkmale des wachsenden Einflusses des marktwirtschaftlich-industriellen Sektors sowie des neuen technologischen Stils und fanden ihre Vorbilder in der amerikanischen Lebensweise.

Gleichzeitig bestätigen die betrachteten Indikatoren die Annahme, dass sich die Verfügbarkeit billiger fossiler Energie indirekt auf den Verpackungsverbrauch auswirkte. Die massenhafte Verbreitung des Automobils, die Verbilligung des Strassengütertransportes, der Wandel der Siedlungsstruktur, der Bau von Supermärkten an verkehrsgünstiger Lage sowie die Auslagerung und Verteilung der Nahrungsmittelproduktion auf verschiedene Länder und Regionen wurden durch den Preiszerfall der fossilen Energieträger unterstützt und teilweise erst ermöglicht. Diese Veränderungen im alltäglichen Leben und in der Wirtschaftsweise fanden ihre logische Fortsetzung bei den Ernährungs- und den Einkaufsgewohnheiten sowie beim Verbrauch von Lebensmittelverpackungen.

Das neue Distributionsmodell setzte die Vorverpackung der Waren voraus. Da die Personalkosten im Vergleich zu den Kosten für Energie immer stärker ins Gewicht fielen, ersetzten energieintensive Einwegverpackungen sukzessiv die arbeitsintensiven Mehrwegverpackungen.

Am Schluss des dritten Teils kommt die Funktion der Verpackung als Werbeträger zur Sprache. Mit dem Aufkommen von Massenproduktion und -konsum veränderte sich Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre das Marktgeschehen grundsätzlich. Erste Sättigungserscheinungen führten zu einem verstärkten Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Anbietern. Der Übergang von einem Verkäufer- zu einem Käufermarkt erforderte von den Produzenten verstärkte Absatzanstrengungen. Den Verpackungen als 'stummen Verkäufern' kam hier eine zentrale Rolle zu, da in den modernen Selbstbedienungsläden visuelle Reize – also das Verpackungsdesign – das Anpreisen der Produkte übernahmen.

Die Frage, welchen Einfluss die Marketingstrategien auf das Konsumverhalten ausübten, lässt sich nicht abschliessend beantworten. Die verschiedenen Autoren sprechen dem manipulativen Effekt der Werbung unterschiedliche Bedeutung zu. ® Holzschuher (1956), ® Packard (1958), ® Dichter (1960) und ® Kroeber-Riel (1984) vertreten die Ansicht, dass sich die psychologisch unterstützten Werbemethoden direkt auf die Verkaufsresultate niederschlagen. Die Werbung sei tatsächlich 'geheime Verführung' und sei nachweisbar in der Lage, das Verhalten der Verbraucher zu steuern (® Kroeber-Riel und ® Meyer-Hentschel 1982).

Der neueren Literatur (® Heller 1984, ® Reinhard 1993, ® Teuteberg 1993) gehen diese Interpretationen zu weit. Die Werbung müsse sich an eingelagerte soziokulturelle Leitbilder halten. Sie könne so zwar das Konsumverhalten in bestimmte Richtungen verschieben, aber keine völlig neuen Präferenzen schaffen (® Teuteberg 1993).

Trotz dieser berechtigten Kritik lässt sich festhalten, dass die Werbung eine wichtige Rolle bei der Überwindung der traditionellen Verzichtsmentalität und der mittelständischen Tugend der Bescheidenheit spielte, an deren Stelle neue, von den Werbestrategen propagierte lust- und genussbetonte Verhaltensmuster traten.

Im vierten Teil wird erstmals statistisch dokumentiert, in welchem Umfang die Verpackungsindustrie ihre Produktion erhöhte. Seit den späten 1950er Jahren lässt sich ein expansives Wachstum feststellen, welches erst in der ersten Hälfte der 1970er Jahre gebremst wurde. In den 1980er gelangte die Verpackungsindustrie indes zurück auf den Wachstumspfad und konnte neue Umsatzspitzen schreiben.

Besonders augenfällig sind die enormen Zuwachsraten der kunststoffverarbeitenden Verpackungsindustrie. Das synthetische Material etablierte sich in den 1950er Jahren im Verpackungsmarkt und setzte in den 1960er Jahren zu einem unglaublichen Siegeszug an.

Ferner erbringen die empirischen Daten den schlüssigen Nachweis, dass für den immensen Produktionszuwachs der Kunststoffverpackungen der Verfügbarkeit billigen Erdöls eine zentrale Rolle zukommt. Kunststoffe wurden im Vergleich zu den übrigen Packstoffen Papier/Pappe, Glas, Blech und Aluminium zwischen den späten 1950er Jahren und 1973 günstiger – zwischen dem Preis des Erdöls und der Expansion des Kunststoffverpackungsverbrauchs besteht folglich ein direkter Zusammenhang. Die Verteuerung aller Packstoffe nach den beiden 'Ölkrisen' dokumentiert jedoch, dass nebst den Kunststoffen auch die anderen Verpackungsmaterialien abhängig vom Preis fossiler Energieträger sind.

Dank ihrer physischen Eigenschaften (u.a. Kälte- und Hitzeresistenz, Reissfestigkeit, Transparenz, Dehnbarkeit) eignen sich Kunststoffe auch hervorragend für die Herstellung und den Vertrieb neuer Convenience-Produkte wie tiefgekühlter, aseptisch verpackter oder mikrowellengerechter Lebensmittel. Um diese ein Höchstmass an Komfort versprechenden Produkte herzustellen, wurden vermehrt Materialkombinationen eingesetzt. Solche Verbundverpackungen, die nicht der Wiederverwertung zugeführt werden können – aber auch die Diffusion der Kühlschränke und der Gefrieranlagen –, sind für die Konsumgesellschaft bezeichnend. Die unter dieser Voraussetzung hergestellten Produkte waren und sind in den meisten Fällen ökologisch bedenklich.

Im fünften Teil werden anhand der Literatur die ökologischen Aspekte der Entsorgung ausgedienter Verpackungen diskutiert.

Die um die Jahrhundertwende als Reaktion auf den stellenweise katastrophalen städtischen Hygienezustand angelegten Pfade der Abfallentsorgung (® Aktion Saubere Schweiz 1989, ® Hösel 1990, ® Münch 1993) waren dem Hausmüll der zunehemnd konsumorientierten Gesellschaft nicht mehr angemessen. Nach 1950 gelangten immer mehr Materialien in den Kehricht, welche nicht verrotteten und somit die Rückführung der Abfälle in den Stoffkreislauf der Natur verhinderten (® Annasohn 1976). Der Verpackungsmüll, der seit den 1970er Jahren rund 30 Gewichtsprozent des Siedlungsabfalls ausmacht, spielte bei diesem Problem eine zentrale Rolle (® BMU 1993).

Der zunehmende Verpackungsabfall – seit den 1950er Jahren hat sich das Gewicht des Verpackungsmaterials im Siedlungsabfall von rund 10 kg auf etwa 120 kg verzwölffacht – weist auf die die historische Zäsur hin, welche die Industrie- von der Konsumgesellschaft trennt. Einerseits wurden die Gemeinden und die Betreiber von Deponien, Kehrichtverbrennungsanlagen und Kompostierwerken vor schwierige Entsorgungsprobleme hinsichtlich der negativen Konsequenzen der weggeworfenen Plastikbeutel, Aluminiumdosen und Blechbüchsen auf Boden, Luft und Wasser gestellt. Andererseits bedeutete bereits die Produktion von Verpackungen oftmals einen massiven Eingriff in die natürliche Mitwelt (® BUS 1984, ® BUWAL 1991, 1992, 1995). Die Sulfitablaugen bei der Papierherstellung, die Verwendung von Soda für die Glasproduktion, der extrem hohe Strombedarf bei der Aluminiumherstellung oder die Gefährlichkeit der Chlorindustrie, deren Produkt u.a. das PVC ist, unterstreichen die negativen ökologischen Auswirkungen der Verpackungsindustrie deutlich.

Obwohl im sechsten Teil darauf hingewiesen wird, dass seit den 1970er Jahren das öffentliche Bewusstsein für den unsinnigen Massenkonsum von Verpackungen wächst, konnten die Probleme mit dem Verpackungsmüll bisher keineswegs ökologisch verträglich gelöst werden. Massnahmen der Behörden wie die Einführung der Kehrichtsackgebühr in schweizerischen Gemeinden und die deutsche Verpackungsverordnung zielen gegenwärtig zwar in die erwünschte Richtung, genügen aber den Anforderungen einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung im Bereich der Lebensmittelverpackungen nicht (® Weizäcker et al. 1995).

Matthias Nast